LYRIK POESIE DICHTUNG

Held mein Nachbar

Der Held - mein Nachbar
oder Der Tod des Nachbarn

Es war mein Nachbar. Ein hageres Männlein von schätzungsweise sechzig Jahren.
Er konnte sich nur mit Rollstuhl, Krücken oder Gehwagen innerhalb der Wohnung, der Etage oder wenn es hoch kommt innerhalb des Hauses bewegen.
Aus seinem Plattenspieler hörte er immer wieder die Lieder: ein Bett im Kornfeld und Weiße Rosen aus Athen.
Er hatte nicht viel vom Leben und der Tag war eingeteilt vom ambulanten Pflegedienst und dem Essen auf Rädern.
Eigentlich eine lustige Gestalt. Wenn er mit stark gekrümmten Rücken, den Kopf wie ein Truthahn nach vorne gereckt, in seiner Schlabberjogginghose und einem alten verwaschenen Pullover dahinschlich.
Und davon musste er einige Kombinationen besitzen.
Frisch gewaschen waren sie immer.
Vielleicht sogar ein bisschen zu verwaschen.
Das Haus war ein Mehrfamilienhaus. Hier wohnten etliche Familien und man grüßte sich freundlich. Sehr freundlich; freundlich aber bestimmt. So bestimmt wie abweisend.
Man sagte sich freundlich: „Guten Tag“, so das man genau wusste: bitte keine weiteren Kontakte. Wir haben unsere Arbeit und unsere Probleme, mit denen wollen wir alleine zurechtkommen.
Kontakte können wir uns nicht leisten und schon gar nicht in unserer Nachbarschaft. Nächstens bittet diese noch um Hilfe. Nein, so was konnten die im Haus nicht gebrauchen. Wozu gab es denn den Notruf und die Feuerwehr?
Mit all diesem musste sich der ältere Mann abfinden.
So oder so waren die täglichen Besuche des ambulanten Pflegedienstes die einzige Abwechslung des eintönigen Tages.
Auch einmal, wenn es gut ging, kam ein jüngerer, freundlicher Sozialdiensthelfer oder eine jüngere, wie er sie nannte Schwester. Gemeint war eine ambulante Krankenpflegerin.
Das war schon einmal etwas besonderes statt dieser überarbeiteten ständig mürrischen und ebenfalls über das gesamte Gesundheitssystem und das sich alles nicht rechnet klagenden älteren Helfer.
Aber es kamen hier auch selten Gespräche auf. Zuviel Schreibkram. Die Sozialarbeiter zogen nach ihrer Pflichtaufgabe den Block und machten zehn Minuten auf alle möglichen Vordruckformularen die Häkchen und Kreuzchen.
„Das muss so sein“ hieß es. Für die Statistik und fürs Abrechnen wie ein Pfleger sagte.
Das Leben war kein Zuckerschlecken und seine Schmerzen waren oft unerträglich groß.
In den Beinen, den Armen, dem Hals und besonders im Rücken. Er hatte ALS: Amyotrophe - Lateralsklerose.
Eine Krankheit wie man sie auch dem Papst oder dem Künstler und Maler Immendorf zuschrieb. Eine chronische Krankheit des zentralen Nervensystems. Eine Schädigung der motorischen Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark. Muskelschwäche und Muskelschwund.
Alle Verrichtungen die von Händen und Armen ausgeführt werden, wie Tragen, Schreiben, Schneiden, Heben, Körperpflege und Essen waren für ihn erheblich erschwert. Angehörige die ihm helfen konnten waren wohl nicht oder auch nicht mehr da.
Auch hatte er bereits Sprachschwierigkeiten wegen des fortgeschrittenen Stadiums.
Daher war er auch auf Hilfsmittel und die ambulante Hilfe der pflegerischen Kräfte angewiesen.
Er war ein guter, netter und freundlicher Mensch.
Sein Name war Mark Rückern. Wie gesagt kaum Verwandte.
Ab und an lud er mich ein und wir unterhielten uns stundenlang und tranken. Ja trinken das konnte er. Dürfen durfte er es nicht, aber eigentlich durfte er ohnehin nichts, warum also sollte er noch leben?
Wir spielten Karten oder irgend etwas anderes oder er zeigte mir die neue Technik seines Computers.
Doch obwohl Mark Rückern die Annehmlichkeiten des Lebens nutzte, war er zeitweise sehr melancholisch und dachte im Ernst an eine Erlösung von dieser Welt. Über diese Erlösung hatte er auch schon klare Vorstellungen.
Auch einen gewissen Humor konnte man Mark nicht absprechen. Einmal erzählte er mir belustigt: er hatte einen Traum. Die junge Krankenpflegerin, die ab und an zu ihm kam, war in seinem Zimmer und zog sich völlig nackig aus. „Und“ fragte ich neugierig. „Ja“ sagte er: „ich konnte nichts machen. Ich war im Traum eine Stehlampe“.
Er hatte viel Spaß mich so reingelegt zu haben und ich gönnte es ihm.
Während er darauf folgend sofort wieder ernst wurde und wir kamen auf Platons Kriton.
Ich stellte mich auf Sokrates Seite. „Das macht man nicht so. Einfach so aus dem Leben fliehen.“ „ Sokrates flieht auch nicht, denn Ziel des Lebens ist es, laut ihm nicht, lange zu leben (das wollte Mark ja auch nicht unbedingt ) sondern, richtig zu leben.“ „Aber ist dies denn ein richtiges Leben“, fragte er mich „ Habe ich denn diese Wahl, habe ich irgendeine Wahl?„
Nicht über das wie und wann hat er gesprochen, aber ohne konkret zu werden, hat Mark doch genau besprochen das er sich wünsche, seinem Leben ein Ende zu bereiten und nur dies würde ihn glücklich machen.
Ich habe dies so akzeptiert und er hatte mich überzeugt.
Damit war diese Sache für uns erledigt und wurde nicht weiter besprochen.
An manchem Mittwoch brachte ich seinen Lottoschein (immer für mehrere Wochen) weg und Mark glaubte mit Sicherheit an das große Glück. Glück? Glück wäre nur wenn er wieder gesund wäre, aber das konnte ihm wohl kein Geld der Welt wieder herbringen.
Nur in dieser Woche, ja in dieser Woche, dieser einen Woche hatte Mark Glück unwahrscheinliches Glück. Er hatte einen Treffer von fünf Richtigen mit Zusatzzahl das war ein Batzen Geld. Als ich zu ihm kam, ich kannte ja seine Zahlen und beachtete sie auch, sah ich ein kleines Lächeln und ein geringes Aufrichten des Körpers. Aber dann wieder die gleiche Leere.
Unglück und Glück gehören halt zusammen.
Ob dies ein großes Unglück war ist nicht zu sagen, ein materielles Glück war sein Lottogewinn sicherlich.
Ein Tod – Glück oder Unglück? – wer weiß das schon zu unterscheiden? Auch der Tod kann in manchen Fällen am Ende Glück oder Unglück sein.
Inneres Glück aber bedeutet: sich geliebt wissen, geborgen wissen, angenommen wissen, sich heil und gesund wissen – aber das alles fehlte Mark wohl für immer.
Er wusste das er unglücklich war.
Er wusste aber auch das er nicht glücklich sein konnte.
Er konnte das Leben nicht ertragen ( Seneca )
Er konnte nicht ohne seine Angst leben ( Epikur )
Er konnte sich nicht vom Leid entfernen ( Buddha )
Er kannte kein Erfolgsglück ( Hegel )
Er kannte kein Gemeinschaftserlebnis, Ehe, Familie ( Platon)
Er fand auch keine Gnade als tiefste Zufriedenheit wie das christlich verstandene Glück ( das Christus vorlebte )

Er fand Glück per Zufall,
aber das Unglück war sein Schicksal.

Was sollte nun mit dem Geld geschehen?
Es war nur wieder ein Problem hinzugekommen.
Und der Tag darauf. - Ich sah bereits die Feuerwehr und Krankenwagen vor unserem Haus als ich nach Hause kam.
Was war fragte ich einen der Umstehenden der wohl alles beobachtet hatte. Ein behinderter Mann ist bis zur Dachluke hoch und hat sich dort heruntergestürzt. Peng. Einfach so. Hat nur geklatscht und Blut. Viel Blut.
- Ein Lächeln, ein leichtes Lächeln, das ich wohl kaum verbergen konnte ging über mein Gesicht.
Nun hat er es geschafft dachte ich, nun hat er seine Ruhe, seinen Frieden. Das hat er sich immer gewünscht und nun ausgeführt. Ein toller Kerl. Irgendwie musste ich ihn beneiden.
Und dann am anderen Tag stand es ganz groß in der Zeitung. Sogar mit Bild. Feuerwagen und Krankenwagen vor unserem Haus. Und seinem Namen: Mark R. , das Rückern hatten sie nicht ausgeschrieben, Schade.
Es war nicht zu glauben, nun war er nach seinem Tod auch noch für ein mal berühmt.
Wer konnte das schon für sich beanspruchen?
Ich grüßte ihn noch einmal indem ich ihm schrieb:

Dein letztes Wort: mach´s gut
Das du mir gabst als letzten Gruß
Gab ich zurück dir als du schliefst
Ich weiß nun bist du fort von hier
Doch weiter trag ich dich in mir
Und nimm dich mit durch´s Leben

Natürlich habe ich den Zeitungsausschnitt aufgehoben, gerahmt
und mir an die Zimmerwand aufgehängt, mit den Zeilen meines Gedichtes für ihn, meinem Nachbarn.
Dieser verrückte Kerl der es endlich geschafft hatte!
Ich war ehrlich Stolz.

5.4.11 16:23

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