LYRIK POESIE DICHTUNG

Wissenschaft ist ein Geschäft

Eine Wissenschaft ist ein Geschäft wie jedes andere, und nur ein zählbar erfolgreiches Geschäft ist ein Gutes. Diese immer wiederholte und dennoch äußerst falsche These wird von den Technikern gerne benutzt. Wo liegt ihr Erfolg? Ist ihre Technik brauchbar oder für allezeit gültig? Schnell hat sich Technik überholt: Windräder statt Atomkraft. Mit einem Federstrich vom Tisch. Und mit diesem Federstrich sind wir Celan schon ein ganzes Stück näher vorgerückt. Natürlich bestimmen die Gedanken (der Dichter) in den Köpfen die Technik, sowohl was, wann und wie „es“ funktioniert. Es drängen sich einem Fragen auf, ständige Fragen, die man nicht beantworten kann. Das stellte Kant fest er stellte aber auch fest das sich die Dinge und Begriffe selbst beweisen lassen wie auch ihr Gegenteil. Ebenso über das, was zu leisten ist und was nicht. Über die eigene Vernunft nachdenken, diese Doppelheit, äquivok der Selbstreflexion, ist eine Fähigkeit, die die Wissenschaft, der Technik selbst, nicht lösen kann. Betrachten wir Goethes Zauberlehrling. In die Ecke, Besen, Besen, sei’s gewesen. Denn als Geister ruft euch nur, zu diesem Zwecke, erst hervor der alte Meister. Hier haben wir die alte Technik und der Zauberlehrling ist nichts anderes, als die junge Technik. Eines Tages kennt ein Techniker nicht mehr das innere Wesen einer Schraube. Er entwirft sie immer wieder neu in immer neuen Fahrzeugen. Warum? Das beschreibt man kann soviel technisches Wissen anhäufen, wie man will, um etwas Vernünftiges zu produzieren bedarf es unbedingt der Vernunft. Wo wir diese herkriegen, hat Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft deutlich gezeigt. Die Unterschiede innerhalb der verschiedenen Vernunftbegriffe (der mathematischen Naturwissenschaften, der empirischen Vernunft, der metaphysischen Urteile und die Urteile der praktischen Philosophie) können nur in einer Gleichheit und Einheit gemessen werden, und das ist die Vernunft selbst. Profit bleibt übrig nach Abzug seiner sämtlichen Gestehungskosten. Wie man an den vorliegenden Beispielen jedoch sieht, ist es nicht so leicht zu entscheiden auf welche vermeintlichen Kosten, oder sollen wir sagen geistige Leistungen, man verzichten kann. Das Sinnhafte, Trügerische, Vergängliche, jawohl: Dass Dichterische, gehört ins Werk hinein, und wenn wir so wollen, dass allein die Wahrheit übrig bleibt, müsse sie abgezogen werden. Denn so Kant: Das alle Erkenntnis mit der Erfahrung anfange, daran ist gar kein Zweifel. Wenn aber gleich alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anhebt, so entspringt sie darum doch nicht eben alle aus der Erfahrung. Wir erkennen hier, es beginnt mit dem Ursprung. Das heißt danach: Wir werden unsere Technik nicht weiterentwickeln. Es gilt immer wieder von vorne, von Anfang an, mit und in der Sprache, auch in der jeweiligen Fachsprache, neue Techniken zu eröffnen. Wie Goethe redet: Willst du ins Unendliche schreiten, geh nur im Endlichen nach allen Seiten. Eingedenk selbstverständlich der Dichtung die uns diese Sprachen erst, erwiesenermaßen, ermöglicht. Noch lesen wir, und noch drehen sich die Windräder. Dichtung und Technik können wir nicht essen und darauf kommt es letztendlich an. Beides ist noch bezahlbar, aber auf welches können wir am ehesten verzichten? Dichten ist mit Heidegger gesprochen das entwerfende Sagen. Alles, auch der technische Entwurf wird ent-worfen mit der Dichtung. Die Dichtung ist Stiftung. Anstiftung des Streits der Wahrheit. Hölderlin sagte dazu: Schwer verlässt, was nahe dem Ursprung wohnet den Ort. Man darf also nicht vergessen, wo alles herkommt und wie alles zusammenhängt. In einem anderen Zusammenhang thematisiert Celan hier die Wissenschaft (die Chemie) die Kunst natürliche Körper vermittelst Feuer oder anderer in Bestandteile aufzulösen und diese zu neuen Produkten zusammenzusetzen sinngemäß nach dem Lexika. Dies thematisiert er im Gedicht chymisch mit dem Schweigen, als der Sprache der Vergessenen. Nun glaubt aber der Wissenschaftler, davon gehe ich aus, dass er weiß, womit er arbeitet und was er tut. Er weiß, der Gegenstand der Technik ist klar durch Kategorien bestimmt. Doch kennt er die Technik selbst? Er erkennt nur, soviel er selbst beherrscht. Dass er das Nichtbegriffene als sein Nicht-begreifen-können, das Nicht-Erkennen als ein nicht – erkennen - können erkennt, als ein Verstehen seines Nicht-Verstehens ist nur richtig. Grenzen sind fließend. Liegt der Ursprung des Rades in der Technik oder in der Naturwissenschaft? Der Dichter (Celan) hilft ihm die Dinge zur Sprache zu bringen! Was fällt dem Dichter zur Technik ein? Die dichtende Intelligenz treibt das technische Rad und bestimmt dessen Lauf (Zeit) im Lauf des Begreifens und des Verstehens. Es wäre also aus all diesen Gründen wichtig das Dichtung und Technik im Gespräch bleibt. Zurück zur Grundfrage, die hieß: „Mit Celan bewegt man keine Windräder“. Das bewegt die Frage zwischen Dichtung (Geisteswissenschaft) und Technik (Maschinentechnologie) konkret heißt das: Sind Windkrafträder (stellvertretend für alle Technik: Autos etc.) ohne Dichtung möglich? Können sie ohne Dichtung bewegt werden? Laufen? Geplant, angeboten, heißt auch hergestellt, abgesetzt, betätigt, und bewegt werden? Und das alles ohne Dichtung? Sollte das möglich sein? Also konkret: Kann Dichtung Windkraft bewegen? Kommen wir zurück auf diese Grundfrage. Sie ist konkret. Ist es ohne Dichtung möglich eine Windmühle oder ein Windkraftwerk zu betreiben? Es ist eine Frage nach der Technik und die lautet: wie? Dass die Herstellung eines Werks, eines Kunstwerks oder Bauwerks (Tempels), die Frage, das gewissermaßen der Ursprung der Kunst ohne das Dichten nicht möglich ist, das ist (spätestens seit Kant mit der Aufklärung und spätestens seit Heidegger, vom Ursprung des Kunstwerks) geklärt und abgeschlossen., besprochen und durchgearbeitet. Die schaffende Bewahrung im Werk, das kreierende Zeugen, das Aufzeigen und Ent-Werfen ist die Dichtung. Nehmen wir als Beispiel die Herstellung des Tempels, z.B. das Oktogon am Aachener Dom. Hierfür bestellt Kaiser Karl im Jahr 800 Architekten aus Italien. Niemand geht davon aus, dass diese Architekten den Tempel alleine gebaut hätten. Sie haben ent-worfen Zeichnungen erstellt. Den Ursprung her-ge-stellt, einen Auf-riss er-stellt einen Grund-riss. Sie haben mit den erforderlichen Handwerkern erst eine gemeinsame Sprache er-stellt und sich darauf geeinigt, bevor man anfing zu bauen. Es galt nicht das Rätsel zu lösen, wie sich der Bau entwickelt. Es galt das Rätsel zu sehen, gemeinsam zu sehen. Wer den Grund-riss liefert das waren die italienischen Architekten, und wie Dürer sagt: „Wer die Wahrheit heraus kann reißen, der hat sie.“ Diese Wahrheit ist das sich ins Werk setzende Seiende, das Gedicht. Sie stellen das Ent-sprechende erst her! Es beginnt mit der Dichtung. Der Grund-riss lässt die Wahrheit erst ent-springen. Er ist Gründung, Anfang, ist Ursprung. Es ist die schaffende Bewahrung im Werk. Das Ent-Werfen, das Auf-Zeigen, das kreierende Zeugen. Das ist die Dichtung, die schaffende Be-Wahrung, die un-ver-borgenheit, indem sie be-nennt. Die Wahrheit als Dichtung setzt sich ins Werk. Nur hier haben wir das Ur-sprüngliche des Werks. Wenn sie so wollen: des Windkraftwerks! Oder wie Hölderlin es ausdrückt: „Schwer verlässt was nahe dem Ursprung wohnet, den Ort.“ Das Windkraftwerk ist in seiner Schöpfung vor seinem bzw. in seinem geistigen Auf-stellen bereits Dichtung. Nehmen wir ein zweites Beispiel. Jemand spielt vorzüglich auf einer Wasserglasorgel. Er beherrscht diese Technik. Man fragt aber wie? Und dieses man bedeutet einjedes. Hat man bereits begriffen? Verstanden? Hat die Vernunft, das Handeln bereits reflektiert? Die Antwort heißt ja! Es ist bereits die Grundfrage. Die Frage: Wer war zuerst? Die Dichtung oder das Windkraftwerk. Welche Dichtung, welches Windkraftwerk. Welche Henne, welches Ei? Es ist die Frage nach dem Ursprung, dem Anfang, der Begründung. Nach der Verdichtung, dem dichtenden Denken. Dem Zusammenreimen: in der Technik, wie in der Mathematik: eins zu eins. Was und wem nutzt dieses Wasserglasorgelspiel, wenn es ins Leere schallt? Der Musiker musste fragen und sprechen ohne das Er nicht diese Meisterschaft erreichte. Der Zuhörer fragt. Alles beginnt und endet mit Sprechen und Fragen. Ohne Sprechen keine Höhlenmalerei und keine Windkraftwerke. Von der Höhlenmalerei bis zum Windkraftwerk war viel Sprechen, viele Dichtung. Ohne eine Klärung, wann, wieso, warum, wohin, wer bezahlt? Ohne diese Fragen und die dazugehörende Antwort (die Dichtung) kann kein Windrad entstehen, geschweige sich bewegen, und diese Fragen sind wesentlich. Die Lesung von Büchern und das Hören von Vorlesungen sind (ist) eins. Man liest viele Bücher und hört viele Vorlesungen, aber findet man Wissen, Weisheit, Verstand oder gar Vernunft? Die Frage, die man stellen müsste, lautet einfach: wie? Wie kam es dazu, wie hat es angefangen, wie hat mein Vorgänger, Vorfahre das gemacht. Dahinter will ich kommen. Man beginnt irgendwann mit einem Wort. Denkt nach, schreibt es auf, ein zweites Wort, vergleicht, stellt diese Wörter zueinander, gegeneinander, erhält einen Satz, vergleicht die Worte mit einem zweiten Satz: Nur so kommt man weiter. Das ist der Ursprung, daraus entsteht auch die Dichtung. Die sich fügt zu einer Erklärung, einer Beschreibung, einer Darstellung, einem Ent-Wurf. Das Ent-Worfene. Das in die Welt geworfene – heureka. Das ist das Dichterische. Es ist jene Technik, etwas mathematisch-technisches Dar-zu-stellen, Auf-zu-stellen. Wir haben es. Wie es funktioniert. Wir erklären, so funktioniert es. Wir haben eine gemeinsame Sprache. Erstellen den Grund-Riss und fertigen das Werk und beginnen die Dichtung neu. 3. Noch einmal zurück über die Grundfrage: „Bewegt man Windräder mit Dichtung?“ Es ist schwierig und problematisch, auch in der Dichtung, immer wieder neu das Rad zu entwerfen. Auch das Wind-Kraft-Rad. Und irgendwann macht man zwischen all diesen Schritten einen Schnitt. Man Ver-dichtet den Entwurf. So, von hier bis dort, das ist meins und jenes eures. Euer Gedicht oder Windkraftrad, mein Gedicht oder Windkraftrad. Es ist die Zeit etwas dar-zu-stellen, auf-zu-stellen. Ein Denk-mal, ein Windkraftrad, ein Ge-dicht. Aber bewegen!? Bewegen tut’s das Gedicht, und wenn man Glück hat – Ist auch noch etwas Wind, der wenn man noch mehr Glück hat, einem ein Gedicht -zuflüstert! Die Antwort zu der Behauptung: „Mit Celan bewegt man keine Windkrafträder“ ist eine Antwort gegen die logischen Zusammenhänge und eigentlich eine angriffslustige Antwort. Sie ist gleichbedeutend mit der Antwort des Hausherrn an die Hausfrau, sie würde ja nicht das Geld nach Hause bringen oder an seine Kinder das Sie die Füße unter seinen Tisch stellen. Das eine ist, ohne das andere nicht zu haben. Man merkt, wissenschaftlich gesehen sind die Antworten richtig, aber geisteswissenschaftlich, sagen wir dichterisch, gesehen längst unzeitgemäß. „Ohne Dichtung keine Bewegung!“ Um dies auf den Punkt zu bringen. Die Gründe, woher es ist, was es ist, liegen in der Ursache. In einer der vier aristotelischen Ursachen: die Materialursache, die Formalursache, die Wirkursache und die Zweckursache. 1. die Materialursache, causa materialis meint, woraus das Ding besteht; z.B. den Stoff (Stahl und Elektronik ) 2. Die Formalursache, causa formalis bestimmt die Form durch die es wird, was es ist z.B. die Flügel für die Windräder. 3. das woher, als Wirkursache, causa efficiens, durch die Arbeit der Ingenieure und Techniker. Aristoteles beschreibt sie als das Woher des Anfangs der Bewegung und 4. die Ursache um derentwillen das Windrad gebaut wird, die Zweckursache des Worum-Willens die causa finalis, als hierbei die Windenergie aufzufangen. Aristoteles nennt die causa finalis als Leitmodell für die Bestimmung des Ersten Bewegenden „es bewegt den Kosmos wie ein Geliebtes bewegt, insofern es Gegenstand des Verlangens ist und geliebt wird“. Der Herstellungsprozess liegt hierbei sowohl im Herstellenden, dem Techniker, dem Ingenieur wie auch im Gegenstand des Hergestellten, her-zu-stellenden. Hierbei wäre es die „ verlangten „Windräder, um dieses Geliebte, diese Verlangen darauf, als der ersten Bewegung darzustellen (übrigens ist diese erste Bewegung nichts Menschliches, es geht darüber hinaus!). Der Unterschied liegt in der Denkungsart. Platon und Aristoteles sprechen von der Materie (ähnlich Quantenphysik und Relativitätstheorie) von der Dynamis, der Möglichkeit. Demgegenüber die Atomisten die Materie als Wirklichkeit sehen. Das Wahre, das in den Dingen steckt, ist die höchste Wirklichkeit von allem. Zusammengefasst, der einheitliche Grund alle Dinge zu denken. Dies zu formulieren leistet nur die Dichtung. Die Dichtung ist hier nicht der Schöpfer, sie lässt nur das zu Schaffende in die Lichtung treten, selbst was vorher schon von der Möglichkeit her da war. Tritt es durch die Dichtung in die Lichtung, ins Offene, als ursprüngliche Erscheinung. Es ist ein Lernen, oder wie Wittgenstein es sinngemäß ausdrückt: „Das Lernen ist ein Rückerinnern. Wir erinnern uns, dass wir die Worte wirklich auf diese Weise gebraucht haben.“ Könnte man dies nicht auch Dichten nennen? Dichtung als etwas rein Geistiges, Göttliches, Wahnsinniges. Wer könnte sich etwas Wahnsinnigeres als ein Wissenschaftliches (ein wieder-natürliches) Produkt vorstellen (ein Gedicht, ein Windkraftwerk, eine Benutzeranweisung, einen Prospekt z.B.) Die Dichtung ist praktisch der Weg zur Windkraftanlage und zurück zum Ursprung des immer-wieder-neu-Erfindens, des WIE? Der Details. Das Verhältnis und das normative Fundament von Theorie und Praxis. Das ewige Streben nach dem Erkennen, der Funktion, dem Wesen und nicht nur diesem Wissen, sondern von allem Wissen. Dies Nachzuvollziehen kann nicht bewiesen werden wie etwa das 1x1. Es erfordert ein Mitdenken, einen Willen zum Einsatz von reflektierender Einbildungskraft. Das wäre schon der Unterschied zwischen Prosa (einem Prospekt, einem Katalog) und der Dichtung. Aber das wäre ein anderes Thema. Philosophisch gesehen ist Wissenschaft: Einen Stein über das Wasser mehrmals hüpfen lassen. Dichtung ist: unter diesen Stein noch etwas Phantasie zu bringen, bis der Stein abhebt, emporsteigt.

15.11.10 15:20

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