Nur Lehrer nur Dichter
Nur Lehrer nur Dichter
Von Manfred H. Freude
Der Dichter spricht in wuchernden Sprachen. Was sich als superkluge Rede anhört, ist kurz, gebratener Quatsch mit gepaarter Blechverstärkung. Jenseits der Brücken trifft die Sprache auf ihr Schwaigen. In der Sprache spiegelt sich das Schwaigen doppelt. Sprache spiegelt die speziellen Motivationen, die dort ankommen, wo der Angesprochene hin will. Der Oberlehrer, der den Pygmalion in den Dingen sieht, wird sobald er Nonsens entdeckt auch darin den Nonsens finden. Ein Dichter schreibt mit den Worten, die er nicht sagt. Wenn man den Nonsens in den Reden und Schriften sucht, wird man ihn finden. Die Welt der Dichtung ist eine Geistesschöpfung und daher nur mit Geistesleistung nachzuvollziehen und nicht mit bloßer Auflösung des Formalen und der Syntax. Das Sprechen, auch wenn es aus einem so Vielen herkommt ist es doch immer die Sprache des Einzelnen, der mit seiner empirischen Vernunft umgeht. Es ist sehr wahrscheinlich anzunehmen, dass jemand, der Welt beschreibt und beschreiben will, dies mehr als nur schriftstellerisch, also aus eigener Vernunft tut. So geht es doch nicht nur dem Dichter darum, das er die undenkbarste Situation der Sprache, nämlich das Verschwiegene, das Unausgesprochene, aussuchen würde und nur darüber schwaigen würde, wenn es ihm darum geht ein schöpferisches Werk des Ausdrucks herzustellen, das sehr beredet ist und eine Welt erstellt. Die Rede und die Sprache kann niemals anders auftreten, als ob sie auch in ihrer Alltagssprache auftritt. Eine Gangsprache ist so hermetisch wie die Sprache eines Wissenschaftlers. Nein, für den nachdenkenden Menschen macht es keinen Unterschied, die Aussage eines Wissenschaftlers, das Gedicht des großen Dichters oder die Titel einer Boulevardzeitung. Das Wort ist das Wort, ob es geschrieben oder gesprochen ist, bleibt es dort, wo es geschrieben steht oder gesprochen ist. Es führt nicht vom Redner zum Denker, ohne Abgründe oder Überführungen zu überwinden. Es ist die historische Spur, die jedem Wort und jedem Satz zugrunde liegt, die immer nachvollzogen werden muss, ehe man ein Urteil über eine Aussage fällen kann. Der Sprechakt unterliegt dem Zuvor und dem Moment. Ein Husten, Räuspern kann den Vortrag und den Vortragenden verändern. Das Geschriebene kann man isolieren und wissenschaftlich bearbeiten, etwa so, wie man eine Geige, ein Gemälde, eine Skulptur auseinandernehmen und vom Material her analysieren kann. Ein Text erschafft keine Kunst. Noten sind keine Musik, soweit können wir folgen, aber daraus folgt auch, dass Schrift oder Sprache kein Text ist. Der Text wird erst gemacht. Er bildet sich erst beim Redner, wie auch abgetrennt beim Zuhörer. Niemand kann also ausdrücken, was er selbst ausdrückt, vielmehr entsteht der Text beim sich selber zuhören neu, wie sollte also ein Text einem Zuhörer oder Leser ohne Verlust überführt werden? Es gibt nur die Möglichkeit, wenn ich einen Satz bei Platon, Kant oder Wittgenstein stehle und ihn als eigenen ausgebe und selbst dann, kann ich mir nicht sicher sein, die gleiche Wirkung bei mir, oder anderen hervorzurufen.
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